Senioren am PC – konkrete Situationen im Unterricht (Teil 2)

Senioren am PC

Tipps zu konkreten Situationen im Unterricht

 

Teil 1 der Artikelreihe listet Aspekte auf, die ein EDV-Trainer bei der Entwicklung eines Lehrplans für Senioren beachten sollte. In Teil 2 schildere ich einige kritische Bereiche, welche immer wieder während des Unterrichts auftreten. Sie treten auf, weil

  1. man als Trainer unbewusst voraussetzt, dass so mancher Schritt, manche Handlung oder Erklärung deutlich genug sind und keine weitere Erläuterung benötigt.
  2. ältere Kursteilnehmer ganz andere Denkprozesse und Erfahrungen mitbringen. Ihr Verhalten im Klassenzimmer entspricht zudem dem traditionellen Modell von einst.

 

Allgemeine Tipps:

Bessere Sicht am Bildschirm:

Verringern Sie die Auflösung der Schulungs-Computer vor der Veranstaltung.

Zeigen Sie Ihren Teilnehmern, wie man die Anzeige anpassen kann (dieses empfehle ich erst nach einigen Veranstaltungen).

Zoom-Funktion bei Textbearbeitung und Browser: Auch diese Einstellungen sind hilfreich – vergessen Sie nicht zu erklären, dass gedruckte Texte nicht so groß erscheinen werden!

 

Lernverhalten im Unterricht

Traditionell trägt der Lehrer vor, der Schüler schreibt eifrig mit und versucht mitzukommen. Dieses funktioniert im EDV-Unterricht nicht so gut, weil die Konzentration zweigeteilt wird (auf das Schreiben und das Vorführen) und einige Schritte dadurch nicht wahrgenommen werden.

Will man eine neue Technik vorführen (Beamer und Leinwand), so sollten die Bildschirme der Teilnehmer zunächst ausgeschaltet bleiben. Führen Sie die kurz vor (ca. 5 Minuten). Hiermit sichern Sie sich die volle Aufmerksamkeit der Lernenden. Danach werden Bildschirme eingeschaltet und Sie führen noch einmal vor während Ihre Teilnehmer folgen und nachahmen. Meine Erfahrung zeigt, dass neu eingeführte Techniken besser verstanden und folgende Übungen erfolgreicher durchgeführt werden.

 

Ein PC wie der Nächste?

Aus Mangel an Erfahrung glauben die meisten Teilnehmer, dass die Anzeige eines jeden PCs einheitlich ist. Rufe wie „Das sieht bei mir aber anders aus“, oder „Den Ordner / das Laufwerk sehe ich nicht bei mir“ sind an der Tagesordnung. Vergleichen Sie den Computer beispielsweise mit einem Haus oder einer Wohnung. Der Nachbar hat eine andere Ausstattung, nicht so viele Räume usw.

 

Datei-Verwaltung: Ein Buch mit sieben Siegeln

Die Datei-Verwaltung ist eines der schwierigsten Konzepte und für die meisten Lerner viel zu abstrakt. Trotz Analogien, die auch grundlegend begriffen werden, fehlt oft ein tieferes Verständnis dafür. Geht es an die praktische Anwendung, so treten immer Verständnisprobleme auf. Davon betroffen sind nicht nur Senioren. Auch Mitarbeiter von Firmen und Behörden mit zehn Jahre + an Erfahrung am PC, steigen oft nicht durch. Als Trainer muss man hier konsequent mit Vergleichen arbeiten und – üben, üben, üben.

 

Blättern / Scrollen

Scrollen wird gerne vergessen. Erinnern Sie Ihre Teilnehmer öfters daran, dass Inhalte nicht unbedingt auf einer Bildschirmseite passen und dass weitere Inhalte beim Blättern erscheinen.

 

Gruppenbildung und Nachbarschaftshilfe

Geben Sie eine Aufgabe vor und bilden Sie Gruppen – in meinem Unterricht mit Senioren haben sich Zweiergruppen am besten bewährt. So ist das gegenseitige Helfen gewährleistet. Ermutigen Sie die Teilnehmer auch Nachbargruppen mit einzubeziehen, um die Aufgabe zu bewältigen.


 

Konkrete Beispiele aus dem Unterricht

 

Beispiel 1:

Der Trainer nimmt an, dass bekannt ist, wie der PC und Bildschirm eingeschaltet werden und fordert Teilnehmende auf einzuschalten. Das Gesuche geht los. Manche finden den Schalter am PC aber der Bildschirm bleibt schwarz. Verwirrung breitet sich aus. Andere finden den Schalter am PC nicht. Sie haben den Bildschirm eingeschaltet und wundern sich, weil nichts passiert.

Lektion 1:

Wenn die Kursbeschreibung „Computer-Grundlagen von Anfang an“ lautet, dann bedeutet das auch „von Anfang an“, inklusive Anleitung zum Einschalten der Geräte!

 

Beispiel 2:

Die Maus: Der Trainer erklärt die Funktionsweise der Maus, weißt auf linke und rechte Maustaste sowie das Mausrad hin. Nun sollen Teilnehmer erste Übungen durchführen. Ein Desktop-Symbol anvisieren und anklicken, beispielsweise. Viele Teilnehmer haben dabei Schwierigkeiten. Warum?

Lektion 2:

Schwierigkeiten bei der Mausbedienung werden immer auftreten. Einige Gründe hierfür

  1. altersbezogene / körperliche Beschwerden (siehe Teil 1)
  2. ungewohnte motorische Tätigkeit
  3. fehlende Anleitung zur konkreten Handhabung der Maus

Was meine ich mit Punkt 3? Um die Maus zielgerecht bewegen und ein Symbol sauber (ohne zu verrutschen / verschieben) anklicken zu können, muss das Gerät fest in der Hand liegen. Anfänger halten die Maus jedoch oft nur zwischen Daumen und Ringfinger (siehe Vergleichsbilder). Dadurch fehlt erstens die Kontrolle über das Gerät (der Mauszeiger flitzt über den Bildschirm und ist schwer zu orten), zweitens fehlt die Standfestigkeit, die benötigt wird, um ein Symbol sauber anzuklicken. Resultat – das Symbol wird entweder gar nicht erreicht, es wird verschoben, eventuell sogar kopiert, weil auch die rechte Maustaste gedrückt wurde.

Demonstrieren Sie, wie die Maus gehalten wird. Gehen Sie herum und schauen Sie jeden Teilnehmer bei der Übung zu. Korrigieren Sie die Haltung! Es dauert eine Weile bis das klappt, in der Regel einige Veranstaltungen.

Erklären Sie, dass jeder Mausklick (auch unbeabsichtigt) potenziell einen Befehl auslösen könnte!

Die Maus richtig halten

 

Beispiel 3:

Die Tastatur: Nicht jeder beherrscht das 10-Finger-System. Manche Teilnehmer haben während ihres Berufslebens die Schreibmaschine benutzt, kennen aber viele der Tasten auf einer modernen Tastatur nicht. Zudem sind Tastaturbefehle unbekannt. Ältere Menschen wissen nicht, dass viele Tasten weitere Funktionen beherbergen, wissen also nicht, dass sie durch unbewusstes oder zu langes Drücken einer Taste dem Computer Befehle erteilen, bzw. einen Befehl mehrfach ausführen.

Lektion 3:

Erklären Sie die Tastatur und teilen Sie ein beschriftetes Handout dazu aus. Erklären Sie und demonstrieren Sie was passiert, wenn eine Taste zu lange gedrückt wird (Beispiel – (Win + E )oder (Strg + V) – bei (Win + E) wird der Windows Explorer geöffnet: Zu langes Verharren auf dem E erzeugt unendlich viele Instanzen des Programms. Analog werden x- Kopien eines Elements bei zu langem Drücken der Kombination Strg + V eingefügt).

Teilnehmer sollen auch selbständig schreiben. Die Erfahrung zeigt, dass dieses häufig viel Zeit in Anspruch nimmt. Bieten Sie für manche Übungen auch vorgeschriebenen Text an.

 

Beispiel und Lektion 4:

Begriffe: Erklären Sie alle Begriffe und übersetzen Sie die englische Terminologie. Teilnehmer verstehen Konzepte viel besser, wenn Sie wissen, was Wörter wie Desktop, Explorer oder Hardware bedeuten. Aber auch deutsche Begriffe bedürfen oft einer Erklärung. Bei einer Demonstration der Ausrichtungsoptionen in Word verwendete ich anfangs den Begriff „zentriert“. Am Ende der Vorführung fragte mich ein Teilnehmer: „Sagen Sie mal, was bedeutet eigentlich zentriert?“ Er war nicht der Einzige, der nicht folgen konnte. Seit dem achte ich auf jeden Begriff. Zentriert = in der Mitte, Text formatieren = Text gestalten, Markieren = Auswählen usw.

Schreiben Sie neue Begriffe immer an Tafel / Whiteboard / Flipchart!

Noch ein paar Hinweise zu Begrifflichkeiten: Oft sagen ältere Teilnehmer etwas, was wir als Trainer falsch verstehen könnten. „Ich möchte lernen, Briefe am PC zu schreiben“. Was meint der Teilnehmer damit? Haken Sie nach. Sind Briefe schreiben mit einem Textverarbeitungsprogramm gemeint oder möchte der Teilnehmer lernen, E-Mails zu schreiben? Ein wichtiger Unterschied!

Weitere Verwechslungen: „Ich möchte Briefe mit Windows schreiben.“ Google und das Internet: Für viele Teilnehmer repräsentiert Google das Internet. Sie wollen mit „Google“ surfen. Das liegt daran, dass „Googlen“ inzwischen umgangssprachlich eine Suche repräsentiert oder dass Google oft als Startseite eines Browsers eingestellt ist usw. Klären Sie auf!

 

Beispiel 5:

Textverarbeitung:
Sie beschäftigen sich gerade mit der manuellen Korrektur eines Textes. Die Teilnehmer verstehen die Prozedur nicht. Warum nicht?

Lektion 5:

Die Ursache hier ist zweifach:

  • Zum einen befinden sich zwei ähnliche Zeichen auf dem Bildschirm: die blinkende Textmarke und der in einen Strich verwandelter Mauszeiger. Diese Symbolik wird nur dann unterschieden, wenn eine Erklärung dazu erfolgt.
  • Dass ein Klick notwendig ist, um die Textmarke endgültig zu platzieren, muss ebenfalls gesagt und vorgeführt werden.

Ein Wort oder einen Satz ergänzen?

Hier sollte man zunächst einen Vergleich zwischen realem und virtuellem Schreiben ziehen. Kein Anfänger vermutet, dass das Schreiben an einer beliebigen Stelle im Text möglich ist. Diese Vorgehensweise ist beim realen Schreiben (per Hand und per Schreibmaschine) unbekannt.

Zeilenumbrüche am Ende der Zeile: Gibt der Trainer einen Text zum Abschreiben vor, fügen Teilnehmer häufig Zeilenumbrüche am Ende der Zeile ein (bei der Schreibmaschine ist dieses notwendig). Bitte vorweg erklären, dass dieses nicht nötig ist. Das spart viel Verwirrung beim späteren Markieren oder Bearbeiten des Textes.

 

Beispiel  und Lektion 6:

Internet:
Zunächst unterscheiden Teilnehmer nicht zwischen einer Internet-Adresse und einer E-Mail-Adresse. Handlungsbedarf!

Teilnehmer können schlecht zwischen der Adresszeile und einem Suchfeld unterscheiden. Suchfelder werden oft überhaupt nicht wahrgenommen. Teilnehmer müssen anfangs häufig daran erinnert werden, vor dem Schreiben in Adresszeilen oder sonstigen Formularfeldern zu klicken, ehe sie schreiben können.

 Sie wollen mit Ihren Teilnehmern E-Mail-Adressen einrichten?

Bringen Sie bitte viel Zeit mit und nutzen Sie einen E-Mail-Dienst, der viel Zeit zur Anmeldung erlaubt. Früher wurden meine Lerngruppen bei Web.de und GMX wegen Zeitüberschreitungen regelmäßig aus dem System geworfen. Heute nutze ich Google-Mail – das bringt zwar andere Hindernisse mit sich, aber man kann sich bei der Registrierung Zeit lassen.

Die oben genannten Beispiele stellen nur einen Überblick der häufigsten Vorkommnisse dar. Durch Vorsorge gelingt es dem Trainer dem vorzubeugen. Man spart wertvolle Zeit, schont die Nerven aller Beteiligten und erhöht den Lernerfolg der Teilnehmer.

Ihre Teilnehmer profitieren sehr durch Übung am eigenen Computer Zuhause. Ermutigen Sie die Lernenden dazu. Fragen Sie am Anfang der nächsten Veranstaltung nach, ob sie geübt haben und was für Probleme sie dabei hatten. Klären Sie auf!


Lesen Sie auch:

Senioren am PC – Teil 1 – Weniger ist Mehr!
Senioren am PC – Teil 3 – Beispiel-Lehrplan Grundlagenkenntnisse

 
Beitragsbild: http://de.fotolia.com/

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